Autor: Nils Wienböker; Fotografin: Katharina Junge / PIZ Marine

Hamburg, 15.09.2016

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Marine-Inspekteur im Manfred-Wörner-Zentrum

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OTO-Melara_Geschütze: Reichweite und Genauigkeit

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Admiral Krause geht offen auf Teilnehmer ein

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Fregatte ,,Baden-Württemberg" wird fit gemacht

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Interessiert verfolgen die Anwesenden den Vortrag

Der Inspekteur der Marine spricht im Gneisenau-Saal offen über die Lage der Marine, ihre Historie und ihre Zukunft. Die Marine ist seit Gründung 1955 die kleinste Teilstreitkraft der Bundeswehr, erklärt Vizeadmiral Andreas Krause. Doch sagt die Größe nichts über die Bedeutung für die Landesverteidigung aus. Zu Zeiten ihrer Gründung war die Aufgabe der Seestreitkräfte der Bundeswehr klar definiert: Im Falle einer Eskalation des Ost-West-Konflikts sollte sie in der Nordsee Geleitschutz für Versorgungskonvoys stellen. Außerdem sollte sie in der Lage sein, im Zusammenwirken mit der dänischen Marine die Zugänge zur Ost-See zu blockieren, um so die sowjetischen Kriegsschiffe dort einzuschließen und abzuriegeln.

Neue Aufgaben, gleicher Auftrag

Mit dem Zerfall des Warschauer Pakts wurden diese Fähigkeiten größtenteils obsolet, so der Admiral. Wie die anderen Teilstreitkräfte ist auch die Marine seit den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts in stetiger Reform und Verkleinerung. Wie in den anderen Teilstreitkräften der Bundeswehr findet auch in der Marine eine Rückbesinnung auf das Kerngeschäft statt, den bewaffnete Kampf. „Der südliche Krisenbogen - naher Osten, Nord Afrika - bleibt bestehen“, erklärt Vizeadmiral Krause. Daher werden Flüchtlingsrettung im Mittelmeer und Piratenabwehr am Horn vor Afrika auch weiterhin zu den Aufgaben der deutschen Marinesoldaten zählen. Dabei müssen sie aber auch in der Lage sein, sich kurzfristig auch intensiveren Szenarien zu stellen. Im oberen Intensitätsspektrum von Konflikten erfolgreich sein zu können, obwohl die laufenden Einsatzanforderungen sich im unteren Intensitätsspektrum bewegen, macht „Abwärtskompatibilität“ zum Schlüssel des Erfolges.

Hohe Standards machen flexibel

Ausbildung ist hierfür der Schlüssel. Nur hohe Standards in Ausbildung und Zertifizierung können solch eine Flexibilität und Qualität der Besatzungen gewährleisten. Daher herrscht bei der Marine immer Bedarf an spezialisierten Personal. Im technischen Bereich ist der Bedarf an Elektro-und IT-Technikern immer noch sehr hoch. Auf taktikscher Ebene wird vor allem nach weiteren Minen- und Waffentauchern gesucht. Doch fordern die zunehmenden Einsätze ihren Preis und führen Personal und Material an ihre Grenzen. Die Unterbringung von 800 geretteten Flüchtlingen auf einer Fregatte der Sachsen-Klasse, die für eine Besatzung von 250 Personen ausgelegt ist, fordert die Bordlogistik bis aufs Äußerste.

Modell mehrerer Beatzungen

Um das Personal zu schonen und die Technik optimal einzusetzen, hat sich das Mehrbesatzungsmodel bewährt. „Besatzung und Plattform zu trennen, war ein schmerzhafter Prozess in der Marine“, schildert der Inspekteur. Doch dieser Prozess spart Geld, Personal und Transit. Die modernen Fregatten der Klasse 125 können bis zu zwei Jahre wartungsfrei im Einsatzgebiet verbleiben, nur die Crew wird im vier Monatsrhythmus ausgetauscht. So wird die Durchhaltefähigkeit der Plattformen optimal ausgenutzt und der Transit der Schiffe auf ein Minimum reduziert.

„K“ steht für Kampf!

Die neuen „Mehrzweckkampfschiffe 180“ sollen noch durchhaltefähiger sein. Der Hauptzweck des Mehrzweckkampfschiffes, so der Inspekteur, ist der Kampf. Geplant war, die vier vorgesehenen Schiffe modular zu gestalten. Je nach Mission können zusätzliche Kapazitäten für Elektronischen Kampf, U-Boot Jagd oder Einsatz und Abwehr von Kampfschwimmern nachgerüstet und ausgetauscht werden. „Diese Flexibilität soll aber nicht auf Kosten der Kampfkraft der Plattform erkauft sein“, sagt der Inspekteur. Das Umrüsten von Modulen fern des Heimathafens ist kompliziert und aufwändig. Daher sollen Waffensysteme zur Selbstverteidigung und Konvoyschutz obligatorisch bleiben und kein optionales Modul auf deutschen Kriegsschiffen werden.
Es müssen nicht nur neue Fähigkeiten ausgebaut werden. Der Erhalt bisheriger Fähigkeiten ist von ebenso großer Wichtigkeit. Es dauert 30 Jahre, so der Inspekteur, eine einmal verlorene Fähigkeit wiederherzustellen. Die Ubootjagd sei beispielsweise eine solche Fähigkeit. Die Jagd auf abgetauchte Uboote im Verbund von See- und Luftstreitkräften ist ein eher unwahrscheinlich Szenario in den letzten Jahrzehnten gewesen und doch extrem anspruchsvoll. „Sie jagen etwas, das sie nicht sehen“, so beschreibt es der gelernte Uboot-Offizier.

Quo vadis Marine?

Wie der höchste Marinesoldat die Zukunft seiner Teilstreitkraft sieht, interessiert natürlich die Anwesenden am meisten. Auf die Frage nach der Zukunft der Marine antwortet Admiral Krause direkt mit: „Die MKS 180 ist schon Zukunft. Wir reden hier von geplanten Laufzeiten bis in das Jahr 2070.“ Laser und Drohnen entwickeln sich genauso von Science Fiction zu Einsatzrealität auf hoher See. Die Marine feiert, wie die Bundeswehr allgemein, ihr 60 -jähriges Bestehen. Die nächsten 60 Jahre werden genauso turbulent wie die bisherigen. „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“ ist auch weiterhin ein Grundsatz, der der Marine hilft, auch gefährlichste Untiefen zu umschiffen.