Reich der Mitte zu Besuch an der Elbe

 

Generalmajor Zhou wird von Generalmajor Kohl an der Führungsakamdemie begrüßt (Bundeswehr/Lene Bartel)

Generalmajor Zhou wird von Generalmajor Kohl an der Führungsakamdemie begrüßt (Bundeswehr/Lene Bartel)

 

Eine chinesische Delegation der Academy of Military Science aus Peking war in Hamburg (Bundeswehr/Lene Bartel)

Eine chinesische Delegation der Academy of Military Science aus Peking war in Hamburg (Bundeswehr/Lene Bartel)

 

Eine siebenköpfige chinesische Delegation besuchte Führungsakademie in Hamburg (Bundeswehr/Lene Bartel)

Eine siebenköpfige chinesische Delegation besuchte Führungsakademie in Hamburg (Bundeswehr/Lene Bartel)

 

Mitte September besuchte eine siebenköpfige chinesische Delegation die Führungsakademie der Bundeswehr. Neben regem Interesse an den Ausbildungskonzepten an der Führungsakademie hörten die Chinesen gespannt den Ausführungen über die neue Denkfabrik zu. Die Offiziere aus Asien indes hatten das ihr neues Weißbuch mit im Gepäck.

Der Besuch der chinesischen Delegation in Deutschland galt vor allem dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Doch die Vertreter der chinesischen „Academy of Military Science“ in Peking, dem höchsten Forschungsinstitut der Volksbefreiungsarmee, hatten ebenfalls großes Interesse an der Führungsakademie der Bundeswehr (FüAkBw) in Hamburg und dem neu gegründeten German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS). Und so reisten die chinesischen Offiziere in die Hansestadt. Generalmajor Shenggang Zhou und seine sechsköpfige Delegation stellten das in diesem Jahr neu herausgebrachte chinesische Weißbuch Vertretern der Führungsakademie vor. An die Elbe wurde die Delegation zudem durch den Stellvertretenden chinesischen Verteidigungsattaché, Großoberst Jianjun Yang, begleitet.

Freies Denken

Die sechsköpfige Delegation rund um Generalmajor Zhou – allesamt Forscher des chinesischen Instituts - war unter anderem an der Dozentenstruktur der Führungsakademie interessiert. Insbesondere stellte sich ihnen die Frage, ob denn auch an der Führungsakademie geforscht werde. Der Kommandeur der Führungsakademie, Generalmajor Oliver Kohl, erklärte, dass die Führungsakademie rein der Lehre verpflichtet sei – zum einen in Lehrgängen für Stabsoffiziere und zum anderen in den unterschiedlichen Modulen unter der Vorgabe des „Lebenslangen Lernens“. Zudem verwies der General auf das GIDS. Die Denkfabrik sei der Ort, an dem unter anderem Wissenschaft im strengen Sinne betrieben werde. Dabei betonte er, dass die zivilen wie auch militärischen Angestellten dort frei und ohne Auflagen forschen und denken dürfen – ganz unter der Devise „Mut zum Diskurs“. 

Kritisches Denken Teil des Selbstverständnisses

Die Denkfabrik habe den Auftrag, so der Kommandeur, Sachverhalte zu hinterfragen und durchaus kritisch gegen das eigene System zu sein. Genau diese Tatsache, dass das GIDS den Auftrag habe, frei und insbesondere auch kritisch zu denken, sorgte bei den chinesischen Offizieren für Nachfragen. Sie fragten beispielsweise danach, ob dies denn wirklich durch die militärische Führung im Ministerium der Verteidigung gewollt sei. Vom Kommandeur der Führungsakademie kam hier ein klares „Ja“. Er verwies darauf, dass dies die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im November 2016 ausdrücklich beauftragt habe: „Ich möchte, dass sie [die FüAkBw] ihr Profil schärft und zu einem Ort des Wissens für die Bundeswehr der Zukunft wird. (…) Ein Think Tank, der das Wissen der Lehrenden, der Teilnehmenden und der vielen externen Gäste nutzt, um einen wesentlichen Beitrag für die Strategiefähigkeit der Bundeswehr wie auch der Bundesregierung als Ganzes zu leisten“, sagte sie damals. „Kritisch zu denken ist Teil unserer DNA, sowohl an der Führungsakademie der Bundeswehr als auch am GIDS“, betonte Kommandeur Oliver Kohl. Und er erklärte zudem, dass der Kooperationspartner im GIDS, die Helmut-Schmidt-Universität, durch die Verfassung in ihrem freien Denken geschützt sei.

Defensive Macht China

Im Anschluss stellte die chinesische Delegation das in diesem Sommer erschienene Weißbuch vor. Es ist das zehnte Weißbuch seit 1998 und beschreibt die Militärstrategie der aufstrebenden Weltmacht. Die chinesischen Offiziere referierten, dass China bis Mitte des Jahrhunderts über eine Weltklasse-Armee verfügen will. Die Modernisierung des Militärs solle bis 2035 abgeschlossen sein. China sehe sich als reine Verteidigungsarmee, als ein Land, das den „Frieden liebe“. Dennoch betonte die Delegation auch, dass die Souveränität und Integrität des chinesischen Staatsgebietes außer Frage stünden. Allerdings sehe China sich in der „neuen Ära“ nicht als Hegemonialmacht und strebe nicht danach, seine Macht- und Einflussgebiete zu erweitern. Auf die Nachfrage, ob sich die Volksbefreiungsarmee als Armee der Partei – gemeint war damit die herrschende Kommunistische Partei Chinas – oder als Armee des Volkes verstehe, antworteten die Chinesen einhellig: „beides“. Denn letztlich repräsentiere die Partei die Interessen des Volkes. Nach diesem offiziellen Teil hatte die Delegation noch die Gelegenheit, mit den chinesischen Lehrgangsteilnehmern am Lehrgang für Generalstabs-/Admiralstabsdienst International, der im August in Hamburg begonnen hatte, zusammenzukommen und sich über deren erste Erfahrungen auszutauschen.


Die Volksbefreiungsarmee ist das personell stärkste Militär der Welt. Im Jahr 2017 zählten die Streitkräfte der Volksrepublik China mehr als 2,2 Millionen Soldatinnen und Soldaten – zudem mehr als 1,4 Millionen Reservistinnen und Reservisten.

 

 

 Autorin: Victoria Eicker