Cyberabwehr: Strategiespiele im Praxistest

Fotografin: Bundeswehr/Lene Bartel

Autor: Bundeswehr/Claus Rosenbusch

Spielbrett-Ausschnitt „Cyber Resillience Card Game“

 

Gedankenaustausch zur Spielentwicklung

 

Strategiebesprechung vor dem nächsten Zug, „All Domain Urban Future Wargame“

 

Oberstleutnant i.G. Thorsten Kodalle ist der Strategiespielexperte an der Führungsakademie der Bundeswehr

 

 

 

 

 

Hacker nutzen automatisierte Schadprogramme, so genannte Bots, um Unternehmen zu schaden. Sie wollen auf das Firmennetz zugreifen und an wichtige Informationen kommen. Das ist eins der Szenarien, um die es kürzlich an der Führungsakademie der Bundeswehr ging. In der Hamburger Clausewitz-Kaserne trafen sich internationale NATO-Experten zum Workshop „Multi-Domain Future Cyber Wargaming“. Der Workshop ist eine gemeinsame Veranstaltung der NATO Forschungsgruppe „Gamification of Cyber Defence/Resilience“ und dem German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS). Ziel des Workshops: Die Prototypen von eigens entwickelten Strategiespielen zu testen und weiterzuentwickeln.

Die bei diesem Workshop gezeigten „Serious Games“, gehören der Gruppe der analogen Strategiespiele an. Sie eignen sich hervorragend, um mit geringem Aufwand verschiedenste Szenarien zu simulieren und spielerisch Lösungswege zu entwickeln. Die vorgestellten Spiele befinden sich derzeit in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Ihnen allen gemeinsam ist, dass grundsätzlich zwei Akteure gegeneinander spielen und ein Schiedsrichter den Spielverlauf moderiert.

Bei der Entwicklung wurde großer Wert darauf gelegt, die Spiele so einfach wie möglich zu gestalten. Dazu bemerkt Oberstleutnant i.G. Thorsten Kodalle, der die Bundeswehr in dieser internationalen Expertengruppe vertritt: „Es ist ein Vorurteil, dass man, zum besseren Verständnis des Cyberraums unbedingt einen Computer braucht. Man kann viele grundlegende Konzepte tatsächlich analog sehr gut erklären.“

Eigene Möglichkeiten und Handlungsfähigkeit

Zusammen mit Lehrgangsteilnehmern der Führungsakademie entwickelte Kodalle ein taktisches Kartenspiel, das Cyber Resilience Card Game. Hier sollen Lösungen insbesondere für individuelle Krisenszenarien erarbeitet werden. So wird der Spieler beispielsweise angeleitet, auf seinem Smartphone eine Zwei-Faktoren Authentifizierung (2FA) einzustellen, um sich gegenüber Hackern und Viren-Attacken zu schützen und seine digitale Identität zu schützen. Ebenso animiert das Spiel, eine App namens NINA auf das Handy herunterzuladen. Es handelt sich hierbei um eine Applikation des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz, die vor Katastrophen und extremen Wetterereignissen warnt. „Sich gut vorbereitet künftigen Entwicklungen und Bedrohungen stellen zu können, wird künftig für jeden Einzelnen immer wichtiger werden“, erklärt Kodalle. Resilienz besteht aus den Komponenten „Prävention“ (die im Spiel durch 2FA erreicht wird), „Detektion“ (hier hilft NINA) und „Reaktion“. Für die letzte Komponente werden derzeit noch Lösungen zur Abbildung im Spiel entwickelt

Herausforderung der Zukunft

Mit welchen Schwierigkeiten Menschen im Jahr 2035 in einer Mega-City konfrontiert werden können, wird beim „All Domain Urban Future Wargame“ deutlich. Bei dem Spiel, das die NATO Forschungsgruppe selbst entwickelt hat, geht es um Gebietsansprüche unterschiedlichster Gruppierungen und deren Interessen in Städten mit mehr als 30 Millionen Einwohner. Wie wird in einer Mega-City die Versorgung sichergestellt? Welche Logistik ist erforderlich und wie kann der Transport so vieler Menschen gewährleistet werden? Das sind nur einige Fragen, denen die Spieler auf den Grund gehen. Dabei haben sie auch zu berücksichtigen, ein lebenswertes und sicheres Umfeld für alle Bewohner zu gewährleisten. Bereits bestehende Probleme, wie etwa die IT-Sicherheit und die Cyber-Kriminalität sind dabei im Spielverlauf zu bewältigende Herausforderungen. Um ein Vielfaches schwerer einzuschätzen sind dagegen Angriffspunkte der Gesellschaft, die sich erst in den nächsten Jahren entwickeln werden und zumindest vorausgeahnt werden müssen.

Szenarien werden erweitert

Dr. Andreas Haggman, einer der Experten, der die NATO Forschungsgruppe schon seit mehreren Jahren unterstützt, bringt die Schwierigkeiten bei der Spiel-Entwicklung auf den Punkt: „Wir werden für die Zukunft niemals die richtige Antwort geben können, aber Strategiespiele helfen uns die richtigen Fragen zu stellen.” Die vorgestellten Spiele konnten während des zweitägigen Workshops deutlich weiterentwickelt werden. So wurde sich nicht nur der Spielgestaltung (Spielmechanik und Spielregeln) angenommen, sondern auch die Anwenderqualität (Design Thinking – Kundenorientierung und Nutzerfreundlichkeit) überprüft und die Szenarien um weitere zukunftsorientierte Elemente erweitert.

Der Workshop hat gezeigt, dass die Entwicklung nicht abgeschlossen ist und noch weitere Verbesserungen möglich sind. Eine besondere Herausforderung ist es, bereits heute Lösungswege für morgen aufzuzeigen. Denn nur so kann eine Gesellschaft handlungsfähig bleiben.