Friedensmissionen besser planen

Autorin: Dr. Victoria Eicker

Fotografin: Lene Bartel

Kapitän zur See Wilbert Vera Mendoza arbeite als militärischer Berater in der ständigen Vertretung seines Landes bei den VN. Sein Land ist als großer Truppensteller bei VN interessiert daran, am neuen Planungsprozess mitzuwirken.

 

 

Oberstleutnant Jari Vuorela aus Finnland arbeitet in der militärischen Planungsabteilung des Generalsekretariats der VN. Hier werden Friedensmissionen geplant.

 

 

Bei dem VN Expertenworkshop an der Führungsakademie wurde ein Entwurf für den militärischen Anteil eines Planungsprozess für VN-Friedensmissionen diskutiert.

 

 

Militärexperten aus verschiedenen Ländern reisten nach Hamburg, um gemeinsam über Planungsprozesse für VN-Friedensmissionen zu diskutieren.

 

 

Der Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr, Generalmajor Oliver Kohl, begrüßte die internationalen Experten zum VN-Workshop in Hamburg.

 

 

 

Ende Mai fand an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg ein Expertenworkshop der Vereinten Nationen (VN) statt. Dabei ging es um die Frage, wie eine Friedensmission geplant wird. Das klingt zunächst einfach, dahinter steht aber ein komplizierter Prozess. Denn bei einer Friedenmission kommt nicht nur Militär zum Einsatz; rechtliche und logistische Fragen spielen eine Rolle und auch die Hilfsorganisationen müssen mit berücksichtigt werden. Ein erster Planungsprozess des militärischen Anteils einer VN-Friedensmission ist nun bereit für die Vorstellung in New York.

Die Wahrung und auch Wiederherstellung des Friedens ist die wichtigste Aufgabe des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen (VN), in dem Deutschland derzeit Mitglied ist. Es ist der Sicherheitsrat, der bei humanitären Krisen oder Konflikten, entsprechende Maßnahmen ergreift und Mandate für Friedensmissionen erteilt. Seit der Gründung der Vereinten Nationen 1945 wurden schon mehr als 70 Friedensmissionen durch die VN durchgeführt und etliche weitere mandatiert, die von Organisationen wie der NATO oder der EU übernommen wurden. Exemplarisch seien hier die VN-Missionen UNIFIL an der libanesischen Küste oder UNMISS im Südsudan genannt.

Planung einer Friedensmission

Doch wie plant man so eine Mission? Ob 5000, 10.000 oder 20.000 Soldaten bei einer Friedensmission eingesetzt werden, entscheidet letztlich der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Diese Entscheidung und die dazugehörige Resolution des Sicherheitsrates sind aber nur der Schlusspunkt eines langen Planungs- und Entscheidungsprozesses. Zuvor finden Erkundungen im Einsatzland statt, werden ausführliche Analysen der Lage vor Ort erstellt und viele Abstimmungen zwischen militärischen und zivilen Akteuren durchgeführt. Im Kern dieser Erkundungen, Analysen und Abstimmungen stehen dabei Planungsprozesse und Instrumente, die von der ersten Analyse bis zum abschließenden Operationsplan führen.

Da solche Prozesse und Planungswerkzeuge immer wieder optimiert und an neue Gegebenheiten angepasst werden müssen, trat das Sekretariat der Vereinten Nationen in New York an Deutschland mit der Bitte zu unterstützen heran. Dem ist die Bundesregierung gefolgt: Mit Mitteln aus dem Bundesministerium der Verteidigung und der fachlichen Unterstützung durch die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg wurde ein Workshop organisiert, um die Planungsinstrumente für den militärischen Anteil von VN-Friedensmissionen weiterzuentwickeln. Grundlage war ein zuvor von Offizieren der Führungsakademie und Planern aus dem VN-Sekretariat in New York angefertigter erster Entwurf für einen neuen Planungsprozess.

International diskutiert

In Hamburg trafen sich Ende Mai Vertreter aus mehreren Mitgliedsländern der VN, unter anderem aus China, Italien, Peru und Finnland und diskutierten eifrig über den Entwurf. „Die Herausforderung besteht dabei insbesondere darin, gängige militärische Verfahren an die Besonderheiten innerhalb der Vereinten Nationen anzupassen“, erklärte Oberstleutnant Jari Vuorela aus Finnland. Er arbeitet seit drei Jahren in der militärischen Planungsabteilung des Generalsekretariats der VN. „Der ursprüngliche Planungsprozess musste erneuert werden und das tun wird hier. In eine Friedensmission sind sehr viele Akteure involviert – neben dem Militär auch Polizei, Logistik, Hilfsorganisationen und andere. Daher ist es sehr wichtig, den Planungsprozess möglichst zu synchronisieren. Der militärische Anteil des Planungsprozesses muss sich am Ende in den großen Planungsprozess einfügen können“, erklärt der finnische Offizier.

Bei VN-Friedensmissionen fallen neben militärischen Tätigkeiten zur Friedenssicherung wie etwa Grenzsicherung oder der Schutz von Zivilisten auch eine Vielzahl an zivilen Aufgaben an. Die vielen Stränge – beispielsweise Reformen des Sicherheitssektors oder der Aufbau rechtsstaatlicher Strukturen – müssen sauber ineinander gefädelt werden. Nach einer Woche konstruktiver Diskussionen blickte die VN-Expertengruppe in Blankenese auf einen ausgereiften Entwurf eines Planungsprozesses, der in den nächsten Wochen mit Vertretern der zivilen Organisationen in New York weiter angestimmt und im Herbst allen Mitgliedsländern vorgestellt werden soll. „Wir hatten sehr gute, kontroverse Diskussionen und sind einem endgültigen Planungsprozess deutlich nähergekommen. Es ist das erste Mal, dass ein Planungsprozess so dezidiert ausgearbeitet wird“, fasste Kapitän zur See Wilbert Vera Mendoza aus Peru den Workshop zusammen. Der peruanische Offizier arbeitet als militärischer Berater in der ständigen Vertretung seines Landes bei den VN. Peru ist derzeit ebenfalls – wie Deutschland – im Sicherheitsrat und zählt zu einem der wichtigsten Truppensteller bei den VN, „daher war es uns auch sehr wichtig, an diesem Workshop teilzunehmen“, sagte er.

Führungsakademie in viele wichtige Prozesse involviert

Neben diesem Workshop ist die Führungsakademie auch in zahlreiche andere Projekte im VN-Sekretariat eingebunden. Während der in Hamburg ausgereifte Entwurf eines Planungsprozesses für Friedensmissionen auf der operativen Ebene angewendet wird, ist als nächster Schritt die Erarbeitung eines Führungsprozesses für die taktische Ebene geplant. Hier geht es dann schon weg von den VN in New York hinein in die Hauptquartiere in den Einsatzgebieten – es geht ganz konkret um die Prozesse vor Ort. Darüber hinaus ist die Führungsakademie auch eng in das sogenannte „In Mission Training“ eingebunden, das Deutschland mit eigenen Mittel und eigenem Personal zur Effizienzsteigerung der Friedensmissionen der VN regelmäßig in den Einsatzgebieten durchführt.

Rund 110.000 Soldatinnen und Soldaten, Polizistinnen und Polizisten und ziviles Personal sind zurzeit in VN-Friedensmissionen weltweit im Einsatz – die meisten Missionen konzentrieren sich in Afrika. Die hohe Schlagzahl an Einsätzen stellen die VN vor Herausforderungen bei der Planung, Durchführung und Beendigung von Missionen. Daher wurden Reformen der VN-Friedensmissionen initiiert, unter die auch der Entwurf des Planungsprozesses fällt. Deutschland ist derzeit an neun VN-Friedensmissionen beteiligt, zudem an VN-mandatierten Einsätzen der NATO, der EU und der OSZE. Bei den VN ist Deutschland nach den USA, China und Japan viertgrößter Beitragszahler.