Autor: Christoph Weigmann; Fotografin: Lene Bartel

Hamburg, 22.03.2019

Prof. Dr. Stefan Bayer vermittelt die Szenario-Technik

Major Huth stellt das Ergebnis seiner Forschungsgruppe vor

Bei der Gruppenarbeit

Während der Präsentation

Gottlieb Daimler irrte sich gewaltig, als er im Jahre 1901 davon ausging, dass die weltweite Nachfrage nach Autos die Zahl von einer Million nicht überschreiten werde. Warum? Weil er sich nie vorstellen konnte, dass es derart viele Chauffeure auf der Welt geben würde, die diese Fahrzeuge bedienen könnten. Er rechnete nicht damit, dass Menschen selbstständig fahren würden. Albert Einstein wiederum sah noch 1932 keine Anzeichen dafür, dass Wissenschaftler in der Lage sein würden, jemals Atomenergie zu erzeugen. Oder ein anderes Beispiel: 1968 prognostizierte die amerikanische Wirtschaftszeitschrift Business Week, dass es der japanischen Autoindustrie niemals gelänge, in den USA nennenswerte Marktanteile zu erreichen. Diese Liste der Unzulänglichkeit von zutreffenden Vorhersagen könnte beliebig weitergeführt werden. So ging selbst Bill Gates 1985 noch davon aus, dass die Vorstellung von der massenhaften Nutzung des Internets lediglich eine Zeitungsente geltungssüchtiger Journalisten sei. Ist es also sinnlos, sich mit der Zukunft zu beschäftigen?

Von der Sinnhaftigkeit einer Beschäftigung mit der Zukunft

Die Beschäftigung mit der Zukunft liefert dabei Orientierung über denkbare neue Herausforderungen an unsere Gesellschaften. Das wird umso schwieriger, je komplexer und vielfältiger die Zukunft sich darstellt und je umfangreicher die zu bewältigenden Aufgaben werden. Im Ergebnis bedeutet dies, dass die Entwicklung von klaren Zukunftsbildern und die sich daran orientierenden Planungsprozesse immer dringender werden. Doch wie soll das geschehen? Der Weg führt über eine systematische Auseinandersetzung mit der Zukunft. Und dieses gelingt nur, indem vorbeugend über die Zukunft nachgedacht wird. Es ist dabei notwendig, zwei Perspektiven einzunehmen: Zum einen ist die Perspektive auf die Strukturanpassung eines Systems an die sich wandelnde Umwelt zu setzen. Zum anderen kommt es auf die steuernde Einwirkung auf die Umwelt durch die Erwartungen der jeweiligen Akteure an. Wichtig ist hierbei die Komplexitätsreduzierung, um der vielen Informationen Einhalt zu gebieten.

Keine Konstanten

Erreicht wird das durch die Szenario-Technik, die Professor Dr. Stefan Bayer an der Führungsakademie der Bundeswehr (FüAkBw) vermittelt. Die Teilnehmenden des Lehrgangs Generalstabsdienst/ Admiralitätsstabsdienst (LGAN) 2018 haben die Aufgabe erhalten, anhand von sechs Phänomenen beziehungsweise Akteursgruppen diese Technik einer strukturierten Herangehensweise an „die Zukunft“ anzuwenden, um zu aussagefähigen Einschätzungen zu gelangen. Der Unterschied zu anderen Prognosemethoden besteht darin, dass die Szenario-Technik gerade nicht eine konstante Struktur und Entwicklung als Grundannahme voraussetzt. Vielmehr geht es darum, Wirkungszusammenhänge aufzuzeigen. „Die Szenario-Technik ist eine Methode der Zukunftsbeschreibung, die die Komplexität und die Dynamik von Entwicklungsprozessen sowie die Abhängigkeiten der darin wirkenden Faktoren von Vornherein berücksichtigt“, wie Professor Bayer, Leitender Wissenschaftlicher Direktor an der Fakultät Politik, Strategie und Gesellschaftswissenschaften, kurz PSGW, beschreibt.

Eine Methode in mehreren Schritten

Diese Methode gibt Antworten auf die Fragen, wie eine mögliche Situation Schritt für Schritt zustande kommen kann und sie gibt auch darauf eine Antwort, welche Alterativen in jeder Phase zukünftiger Entwicklungen bestehen, um den Verlauf des Prozesses in eine andere Richtung zu lenken oder gar verhindern zu können. Das erfolgt in den Seminaren exemplarisch mit Hilfe der Entwicklung von maximal drei Szenarien, wobei eines das Trendszenario darstellt, eines das des schlimmsten Falles widerspiegelt und eines das Optimum im Extrem.

Auf die Auswahl kommt es an

Und so mussten sich die angehenden Generalstabsdienstoffiziere von der Problemanalyse über die Umfeldanalyse zur Deskriptorenanalyse vorarbeiten. Hinter diesem trockenen Begriff steckt das ganze Geheimnis. Deskriptoren sind die Einflussgrößen, von denen das Ergebnis maßgeblich abhängt. „Es kommt für das Ergebnis darauf an, diese richtig zu wählen, zu gewichten und zu beurteilen“, so Professor Bayer bei der Beurteilung des Kurses. Sind die Deskriptoren einmal richtig gesetzt, können ein Trendszenario und zwei Extremszenarien entwickelt werden. Und erst jetzt, am Ende dieser Schritte, können Strategien entwickelt und Maßnahmen zur Problemlösung festgelegt werden. „Auf diese Weise“, so Bayer weiter, „werden scheinbar triviale Aussagen nachvollziehbar begründet.“

Afrika als Bezugsgröße  

Die Szenarien, die bearbeitet werden sollten und zu denen durch den LGAN Strategien entwickelt werden sollten, hatten alle Afrika-Themen als Bezugsgrößen. So beschäftigte sich eine Gruppe mit den NATO-Afrika-Beziehungen. Eine weitere nahm die Auswirkungen schlechter Regierungsführung in den afrikanischen Staaten in den Fokus. Global Health war das Thema einer dritten LGAN-Gruppe, die den Bogen von der Bekämpfung von Krankheiten über die Detektion, also dem Erkennen von Epidemien, bis hin zur Prävention zog. Die Seidenstraßeninitiative Chinas mit Blick auf Afrika war ein weiterer Schwerpunkt der Betrachtung. Natürlich fehlten auch das Feld der Migration nicht sowie die EU-Afrika-Beziehungen.

Szenario-Technik ist auch im Fokus der „anderen“  

Dieser Kurs fand nicht nur innerhalb der FüAkBw Beachtung. So hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) eine Seminarteilnehmerin entsandt. Drei Vertreter kamen vom Development, Concepts and Doctrine Centre (DCDC) aus dem Vereinigten Königreich. Ein weiterer externer Gast war ferner Attaché Felix Haala, der für das Auswärtige Amt den Kurs besuchte. Für ihn war die Teilnahme „gewinnbringend, denn der ressortübergreifende Ansatz wird in Zukunft wichtiger und wichtiger werden“, so Haala. Nachdem alle Arbeiten getan und alle Ergebnisse in einer abschließenden Präsentation vorgestellt worden sind, neigte sich eine anstrengende Woche dem Ende entgegen. Doch Dozenten wie vor allem auch viele der Lehrgangsteilnehmenden waren sich darin einig, dass sie mit der Szenario-Technik eine wertvolle Methode erlernt haben, um komplexe Szenarien handhabbar zu machen, damit am Ende ein belastbares Ergebnis steht. Damit folgt der Kurs der Linie des German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS), das als Think Tank genau das problem- und lösungsorientierte Denken im Mittelpunkt der Seminare stellt. Getreu dem Motto des GIDS: Mut zum Diskurs!