Autorin: Anne Bressem ; Bilder: Anne Bressem

Hamburg, 06.03.2019

 

Oberstleutnant i.G. Rupert Steeger und
Hauptmann Claudia Birkholz im Auswärtigen Amt

Hörsaal 9 im Auswärtigen Amt

„Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr, herzlich begrüße ich Sie als künftigen Teilnehmer Basislehrgang Stabsoffizier an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg.“

Eine spannende Reise auf dem Weg zum Stabsoffizier und damit zur nächsten Karrierestufe beginnt mit einem herzlichen Begrüßungsschreiben des Direktors Ausbildung an der Führungsakademie. Mit diesen netten Zeilen werden die zukünftigen Lehrgangsteilnehmerinnen und Lehrgangsteilnehmer begrüßt und können sich so auf eine interessante Zeit einlassen. Was kommt da auf sie zu? Wie wird ihr Umfeld sein, ein halbes Jahr Hamburg steht vor der Tür, was kommt danach?

Am Anfang steht die Ungewissheit 

Was ist dieser Stabsoffizierlehrgang überhaupt, was wird von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erwartet, was wird ihnen geboten? In dem Schreiben ist zu lesen, die jeweiligen individuellen Kompetenzen sollen als die Basis für erste Verwendungen als Stabsoffizier in Stabsabteilungen bzw. so genannten Führungsgrundgebieten der Bundeswehr entwickelt werden und so das berufliche Selbstverständnis sowie die individuelle Professionalität gestärkt werden. Der Stabsoffizierlehrgang umfasst 56 Ausbildungstage mit vier wesentlichen Komponenten: die Vermittlung von Grundlagenwissen, die Verbesserung des Führungskönnens für zukünftige Aufgaben als Stabsoffizier sowie das Erlangen der gemäß Soldatenlaufbahnverordnung geforderten Voraussetzungen für die Beförderung zum Major beziehungsweise Korvettenkapitän.

Die Stabsoffiziere bilden nach den Generalen die zweithöchste Dienstgradgruppe der Offiziere in der Bundeswehr. Sie umfasst im Wesentlichen die Dienstgrade vom Major bis zum Oberst bzw. vom Korvettenkapitän bis zum Kapitän zur See. Jährlich absolvieren mehr als 600 Offiziere den Lehrgang, befassen sich intensiv mit der Stabsarbeit, also mit der Arbeit, die den Grundbetrieb der Bundeswehr am Laufen und Leben hält. Die Übungen während des Lehrgangs soll sie auf diverse Verwendungen in höheren Kommandobehörden vorbereiten. Sie lernen unterschiedliche Managementmethoden, wie zum Beispiel Prozessmanagement oder Veränderungsmanagement kennen. Vor allem soll aber das neue didaktisch-methodische Konzept der Akademie, die so genannte Kompetenzorientierung verinnerlicht werden. Das „Handeln“ soll im Fokus stehen und „Wollen“ und „Können“ gefördert werden. Das klingt nach viel aktiver Mitarbeit. So sollen vorhandene Kompetenzen ausgebaut und Neue erworben werden.

Die Reise beginnt…  

Die Lehrgangsteilnehmerinnen und Lehrgangsteilnehmer kommen in Hamburg an, zunächst müssen die Offiziere des Heeres, der Luftwaffe, der Marine und des Sanitätsdienstes noch eine taktische Hürde nehmen. Um angehende Stabsoffiziere auf nationale und internationale Führungsprozesse vorzubereiten, schult die Führungsakademie der Bundeswehr ihre Offiziere im Rahmen des Lehrgangs „Grundlagen der Führungs- und Operationsplanung“. Dadurch kommen alle auf den gleichen Wissensstand und das macht auch neugierig.

Die Wochen vergehen, die Offiziere haben ihr Wissen aufgefrischt, aber auch viel über die Befähigung zum erfolgreichen Kampf an Land, in der Luft und zu See dazugelernt. Es geht weiter, der Stabsoffizierlehrgang beginnt. Die Lehrgangsteilnehmerinnen und Lehrgangsteilnehmer beschnuppern sich zunächst, die Hörsäle sind bunt gemischt. Bei diesem Lehrgang sitzen erstmals alle Teilstreitkräfte und Organisationsbereiche der Bundeswehr zusammen in einem Hörsaal. Heer, Luftwaffe, Marine, Sanitätsdienst, Streitkräftebasis, Cyber und Informationsraum erkennen sich an ihren Verbandsabzeichen. Die Offiziere sind gespannt auf die nächsten Wochen mit ihren Tutoren. Die Tutoren sind so etwas wie Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer, die sie die nächsten drei Monate in ihre dienstliche Obhut nehmen. Stabsarbeit, Change Management, Personalmanagement, kompetenzorientierte Ausbildung, Sicherheitspolitik, Innenpolitik, selbstredend Sport und klar auch das Hamburger Kulturleben bereiten sie auf ihre zukünftigen Aufgaben als Stabsoffizier vor. Jeder Einzelne nimmt sehr unterschiedliche Erfahrungen mit. Wie eine Kameradin den spannendsten Teil des Stabsoffizierlehrgangs erlebt, wird im Folgenden beschrieben.

Hauptmann Birkholz geht ihren Weg

Claudia Birkholz ist Hauptmann und seit Januar dieses Jahres auf der Reise ins Stabsoffizierleben. Sie ist Presseoffizier und über ihre Verwendung als Logistikoffizier in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeiterwelt der Bundeswehr gelandet, in der sie sich sehr zu Hause fühlt.

Birkholz lebt mit ihrem Mann, ebenfalls Offizier, in Berlin. In der Vergangenheit sind sie beide sehr lang gependelt und teilen dieses Schicksal mit vielen anderen Familien und Angehörigen der Bundeswehr. Dienstlich ist Frau Hauptmann aktuell im Ausbildungskommando des Heeres in Leipzig beheimatet. Mit Beendigung des Stabsoffizierlehrgangs tritt sie ihren neuen Dienstposten im Presse- und Informationszentrum des Heeres an. Damit geht es wieder zurück an ihre alte Wirkungsstätte in Strausberg nordöstlich von Berlin. Sie freut sich sehr darauf, denn erstmals hat sie ab Mitte des Jahres mit ihrem Mann die Perspektive auf ein ganz „normales“ Leben, auf gemeinsame Abende nicht nur am Wochenende. Bis dahin muss sie aber noch viel lernen. Auch eine Exkursion gehört zum Lernplan.

Berlin Berlin, wir fahren nach Berlin… 

Die so genannte Berlin-Reise des Stabsoffizierlehrgangs kann gut und gern als der Höhepunkt des Lehrgangs bezeichnet werden. Diese Bildungsreise liegt in der Federführung des Leiters der Fakultät Politik, Strategie und Gesellschaftswissenschaften, Jörn Thießen, sowie seinem Team. Vom Hörsaal ins Geschehen: Die Bedeutung der Berlin-Reise liegt vor allem darin begründet, andere Ressorts und Ministerien kennenzulernen und damit konkret zu erfahren, was vernetzter Ansatz in der Realität bedeutet. Die Lehrgangsteilnehmerinnen und Lehrgangsteilnehmer haben die Möglichkeit, für diese Reise jeweilige Themenfelder aus dem sicherheitspolitischen Spektrum zu wählen. Den Beginn macht ein so genannter Geschichtstag. Hier begeben sie sich auf unterschiedliche historische Spuren. Für Claudia geht es auf Spurensuche nach Ursachen und Folgen verschiedener Kriege, vor allem Kriege der jüngeren Geschichte.

„Mein Vater war der heimatloseste Mensch, den ich kenne.“

Mit diesen Worten beginnt die Fahrt in die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. Dr. Maja Bächler, Dozentin an der Fakultät Politik, Strategie und Gesellschaftswissenschaften, führt durch den Geschichtstag der Berlin-Reise. Sie erzählt von ihren persönlichen Erfahrungen, einer Fluchtgeschichte ihres Vaters. Sichtlich ergriffen, tauschen sich die Offiziere über unterschiedlichste Erfahrungen aus. In diesem Zusammenhang wird einmal mehr klar, wie sehr auch jüngere Geschichte bewegt. In Marienfelde angekommen, lassen die Offiziere die Ausstellung unterschiedlichster Fluchtgeschichten auf sich wirken. Claudia wirkt nachdenklich, auch bewegt. Auch sie ist „Ostkind“, ist bis 1989 in der ehemaligen DDR aufgewachsen, berichtet sie und erzählt sodann von typischen „Ost“ Erlebnissen aus ihrer Kindheit. Geschichte live.

„Vielleicht bekommt der Sozialismus noch ein freundliches Gesicht.“ 

Die Zeitzeugin Renate Werwigk-Schneider war geflüchtet und nimmt die Lehrgangsteilnehmerinnen und Lehrgangsteilnehmer mit in ihre Zeit als Kind, Jugendliche, Studentin, Erwachsene und später verheiratete Frau und Ärztin. Klingt alles erstmal nach normalem Leben. Schnell machen ihre Worte klar, wie wenig davon ein vermeintlich normales Leben war. Auch wenn nach ihren Worten immer mal die Hoffnung bestand, „der Sozialismus bekäme noch ein freundliches Gesicht“, hat sie doch sehr gelitten. Heute sprüht sie dennoch vor Energie und Euphorie. Ihre Fluchtgeschichte zieht alle in den Bann, sie lässt spürbar nachempfinden, was es bedeutet, nicht in Freiheit leben zu können und appelliert an ihr Publikum, sich den Wert der Freiheit immer wieder bewusst zu machen. Die Lehrgangsteilnehmerinnen und Lehrgangsteilnehmer steigen nachdenklich in den Bus, Claudia redet nicht, sie ist nachdenklich. Später sagt sie, die Erinnerungsstätte Marienfelde habe sie sehr bewegt und dazu angeregt, in ihrer eigenen Familie nachzufassen.

„Hunger, der zum Tode führt.“

Es geht weiter ins Deutsch-Russische Museum nach Berlin-Karlshorst. Hier wird über zwei ehemalige Kriegsgegner berichtet und an ihre gemeinsame, wenn auch sehr schmerzhafte Geschichte erinnert. Das Deutsch-Russische Museum ist eine bisher einmalige binationale Einrichtung, die von der Bundesrepublik Deutschland und der Russischen Föderation getragen wird. Sie widmet sich den deutsch-sowjetischen sowie deutsch-russischen Beziehungen. Die Lehrgangsteilnehmerinnen und Lehrgangsteilnehmer sehen die Dauerausstellung, die den Eroberungs- und Vernichtungskrieg, den das Deutsche Reich am 22. Juni 1941 gegen die Sowjetunion begann, dokumentiert. Sie sehen diesen Krieg sowohl aus deutscher als auch aus sowjetischer Perspektive. In sehr dunklen Räumen ist Leid, Verzehrung, Tod, und Trauer zu spüren.

Claudia wohnt nicht weit von hier, wie sie erzählt. Sie sei froh, endlich diesen Ort der Erinnerung besucht zu haben. „Ich hätte nicht gedacht, noch einmal eine andere Perspektive auf diese dunkle Seite unserer Geschichte bekommen zu können.“, sagt die 35-Jährige. In ihrer Schulzeit und auch bei einigen Tagen der politischen Bildung während ihrer Bundeswehrzeit sei sie an vielen Gedenkstätten, in einigen Museen oder ehemaligen Bunkeranlagen gewesen, die vom Zweiten Weltkrieg berichten. „Mir war aber nicht klar, dass der Ort, an dem die Kapitulation des Deutschen Reiches 1945 unterzeichnet wurde, so nah an meinem Wohnort liegt. Mitten in einem Wohnviertel.“ Sie hätte gern mehr Zeit gehabt, um sich nach dem Rundgang mit dem Guide noch intensiver mit einzelnen Ausstellungsstücken zu befassen, jedoch ist es Zeit wieder in den Bus zu steigen, um die Fahrt zurück, einmal quer durch Berlin, anzutreten.

Der Geschichtstag endet hier, es herrscht Stille im Bus auf dem Weg zurück in das Hotel, die Offiziere sind alle vertieft. Frau Bächler schließt mit einem, wie sie es charmant nennt, Blitzlicht zum gedanklichen Austausch über persönliche Empfindungen ab und alle lassen den Tag sacken.

Außenpolitische Sicht auf Russland erhalten

Claudia hat sich als sicherheitspolitisches Themenfeld für „Der westliche Balkan – vergessene Krisen“, das Oberstleutnant i.G. Rupert Steeger sehr engagiert in Regie führt, entschieden. So verschlägt es sie am nächsten Tag mit dem Hörsaal 9 zu Hans-Peter Hinrichsen, Leiter des Referats für Russland, Belarus, Moldau und Östliche Partnerschaft im Auswärtigen Amt.

Wie sieht Russland die Welt? Russlands Blick auf die Welt gleiche einem westfälischen Weltbild, bedeutend seien lediglich die drei souveränen Mächte Russland, USA und China, die EU würde politisch sowie militärisch kaum wahrgenommen und deswegen auch kein Dialog mit ihr angestrebt. Frieden bedeute für Russland, die Abwesenheit von militärischer Gewalt. Die USA würde als Macht im Abstieg begriffen, China hingegen als Macht im Aufstieg gesehen. Insofern sei Russland an Appeasement mit China gelegen, um potentielle Konflikte zu vermeiden. Es würden gute Beziehungen zu Japan, Vietnam, den Philippinen, Indien und Pakistan gesucht und vor dem Hintergrund auf Balance gehofft. Ganz klar strebe Russland nach Autarkie, Ziel sei die Schwächung Europas, hält Hinrichsen fest. Wie können wir nun auf diese Entwicklungen reagieren?

Die widerstreitenden Beziehungen zu Russland müssten besser verwaltet werden, einen neuen kalten Krieg werde es nicht geben, sagt er. Die Instrumente der Rüstungskontrolle müssten aber dringend erhalten und stetig verbessert werden und ebenso müsse, wenn wir über neue Waffen diskutierten, eine neue Form der Rüstungskontrolle initiiert werden. Bedauerlich sei, dass viele europäische Staaten keinen funktionierenden Gesprächskanal mehr zu Russland hätten, de facto gebe es aktuell keine europäische Russland Politik, führt Hinrichsen fort. Nicht nur eine politische Entfremdung habe stattgefunden, auch eine gesellschaftliche Entfremdung befinde sich im Prozess. Diese Tendenz müsse klar aufgehalten werden. Probate Mittel seien hier vor allem die Pflege von Städtepartnerschaften oder auch Jugendaustauschprogrammen sowie die Ausgestaltung von Themenjahren. Schlussendlich sei aber für uns die westliche Einheit von großer Bedeutung, die Einheit zwischen den USA und der EU. Russland sei ganz klar eine Herausforderung für uns, habe aber letztlich keinen Einfluss auf unseren way of life, China hingegen schon, beschließt Hinrichsen seinen ausgesprochen spannenden Impulsvortrag.

Wohin es Claudia und ihren Hörsaal im Folgenden verschlägt, erfahren Sie in der Fortsetzung. Soviel sei gesagt. Sie reisen über Israel in den Kosovo und landen letztlich in Italien, es bleibt also spannend…