Autor: Dr. Victoria Eicker; Fotos: Laura Clayborn

Hamburg, 23.11.2018

Generalmajor Kohl begrüßt den Verteidigungsattaché der Republik Niger, General Salifou Mody, an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg

Der Lehrgangsleiter des LGAI, Oberst i.G. Wasgindt, bei der Eröffnung des großen nationalen Informationstages

 Vorträge verauschaulichten die vielen Facetten des Landes

Dr. Aissa Haridou stellt die traditionellen Bekleidungen der verschiedenen Volksgruppen des Landes vor

 Traditionelle Tanzeinlagen rundeten die Vorträge ab

Die Pausen im Foyer des Manfred-Wörner-Zentrums boten Zeit für den persönlichen Austausch der Gäste

Generalmajor Kohl bedankt sich bei den Vortragenden

Es war der erste große Regionale Informationstag des im August gestarteten Lehrgangs Generalstabs-/Admiralsstabsdienst International (LGAI) 2018. Die informative Reise bei der Veranstaltung im Manfred-Wörner-Zentrum der Führungsakademie der Bundeswehr (FüAkBw) führte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Lehrgangs wie auch die geladenen Gäste in die Mitte Afrikas, hinein in die trockenen, heißen Gebiete der Sahelzone: nach Niger. Niger ist ein Binnenstaat in Westafrika. Das Land ist weitläufig, klimatisch vielfältig. Viele der Teilnehmer hatten bis zu diesem Tag keine konkreten Vorstellungen vom Niger, doch das Land hat viel zu bieten und es ist strategisch wichtig.

Weltkulturerbe in Niger

Erst Mitte November war Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in Niger gewesen, einem wichtigen Partner im Kampf gegen den internationalen Terrorismus, organisierte Kriminalität und illegale Migration. Die nigrische Hauptstadt Niamey ist bereits seit Längerem Drehkreuz für den Einsatz der Bundeswehr in Mali. Dort stellte die Ministerin im November das „Camp Vie Allemande“ in Dienst. Von diesem Stützpunkt am Flughafen aus wird die Beförderung von Personal und Material nach und von Mali sowie die medizinische Versorgung von Verwundeten für die UN-Mission MINUSMA sowie die EU-Mission EUTM koordiniert.

Im Manfred-Wörner-Zentrum begrüßte Generalmajor Oliver Kohl, Kommandeur der Führungsakademie, anlässlich des Regionalen Informationstages nicht nur die Gäste aus den Reihen des „Freundeskreises Ausbildung ausländischer Offiziere an der Führungsakademie der Bundeswehr“ und die Teilnehmer des LGAI, sondern auch den Verteidigungsattaché der Republik Niger, General Salifou Mody, der eigens aus Berlin angereist war. „Ich habe heute während meines Gesprächs mit General Mody noch einmal viel über den Niger gelernt“, sagte Generalmajor Kohl. „Das zeigt, wie wichtig diese Informationstage sind.“ Auch für die Anwesenden war es sehr interessant zu erfahren, dass sich in Niger drei Welterbestätten der UNESCO befinden, unter anderem das Aïr und Ténéré Naturreservat sowie die Altstadt von Agadez, die schon im Mittelalter ein wichtiges Handelszentrum war.

Von der Wüste bis in tropisches Sahelklima

Mody verwies in einer kurzen Ansprache auf die angespannte Sicherheitslage in der Sahelzone. Niger sei derzeit ein Ruhepol. Das liege nicht zuletzt auch an der Unterstützung der vielen Partner des Landes wie unter anderem Deutschland. So unterstütze die Bundesrepublik vor allem auch im Bereich Ausbildung. Niger erhielt darüber hinaus im Zusammenhang mit der Ertüchtigungsinitiative zum Kampf gegen Terrorismus und illegale Migration jüngst 53 Militärfahrzeuge. Auch am Bau einer Unteroffizierschule in Agadez will sich die Bundesregierung beteiligen. Oberstleutnant Amadou Sadou und Oberstleutnant Ismael Ka Sidi Oumar Ka, beide Teilnehmer des aktuellen LGAI, gaben nachfolgend einen Einblick in ihr Land.

So führte Oberstleutnant Sadou aus, dass der Niger gut 3,5 Mal so groß ist wie Deutschland, zu 75 Prozent aus Wüste und Halbwüste besteht und rund 22 Millionen Einwohner zählt – zum Vergleich: Deutschland hat eine Bevölkerung von mehr als 82 Millionen Einwohnern. Der Offizier, Vater von vier Kindern, stammt aus der Hauptstadt Niamey. Die Stadt befindet sich im Südwesten des Landes. „Die meisten Städte Nigers liegen wegen den klimatisch schwierigen Bedingungen des Nordens im Süden des Landes“, erklärte er. Dort herrscht tropisches Sahelklima, zudem durchfließt der Niger dieses Gebiet – der Norden des Landes indes gehört zu den heißesten Regionen der Erde. Dattelpalmen, Affenbrotbäume, Papayabäume und bis zu sechs Meter hohes Elefantengras – das sind typische Merkmale der Flora des Landes. Viele Schutzgebiete bieten dem westafrikanischen Löwen, Giraffen, Elefanten und Wasserbüffeln Rückzugsmöglichkeiten. Wunder der Natur gibt es in Niger viele zu bestaunen.

Tuareg an der Führungsakademie

Nichtsdestoweniger gehört Niger zu den ärmsten Ländern der Welt. Das hat unterschiedliche Ursachen. Das Land hat beispielsweise einen extrem hohen Bevölkerungszuwachs – sieben Kinder bekommt eine nigrische Frau im Durchschnitt. „Niger ist ein Vielvölkerstaat“, berichtete LGAI-Teilnehmer Sadou. Bevölkerungsgruppen sind Hausa, Songhai, Tuareg und Fulbe – um nur einige zu nennen. An diesem Punkt wurde den Gästen im Rahmen einer kleinen Modenschau die traditionelle Bekleidung der unterschiedlichen Stämme und Völker präsentiert. Dr. Aissa Haridou, die an einer Universität in Deutschland in Wirtschafts- und Sozialwissenschaften promoviert hat, moderierte mit ihrem perlenden, ansteckenden Lachen diese sehenswerte Vorführung. So kam ein Tuareg-Paar mit der traditionellen Kopfbedeckung und der langen Bekleidung in den Vorlesungssaal des Manfred-Wörner-Zentrums spaziert –  farbenfroh und für Europäer ein ungewohnter und beeindruckender Anblick.

Die Geschichte Nigers ist sehr alt und beeindruckend dicht. Schon Jäger und Sammler hinterließen in der Frühzeit Felszeichnungen im Aïr-Gebirge. Handelswege entlang der Wüste lassen sich weit zurück datieren. Im Mittelalter galt die Stadt Agadez als wirtschaftlicher Knotenpunkt für den Handel, zudem galt das Songhai-Reich, das sich bis an den Atlantik streckte zur damaligen Zeit als eines der größten Reiche Afrikas. 1921 wurde Niger französische Kolonie. Französisch ist auch heute noch die Amtssprache. In dem westafrikanischen Land werden aber weitere zehn Nationalsprachen gesprochen und unzählige Dialekte. 1958 ging das mehrheitlich muslimische Land in die Autonomie, 1960 in die Unabhängigkeit. Danach folgten Militärputsche und Militärregime. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich das Land am Niger langsam stabilisiert.

Mehr Bildung für Niger

Oberstleutnant Sidi Oumar Ka erläuterte in seiner azurblauen Luftwaffenuniform, wie reich sein Land an Ressourcen ist. Nigers erste Exportware sind Zwiebeln – das überraschte ein bisschen. Es ist aber der viertgrößte Uranproduzent der Welt. Daneben gibt es Eisenerz, Kohle, Gas, Erdöl, Gold. „Wieso dann das Pro-Kopf-Einkommen so niedrig ist, verstehe ich nicht“; sagte Sidi Oumar Ka stirnrunzelnd, fast ein bisschen anklagend. „Das ist eine große Herausforderung für mein Land!“ Das Pro-Kopf-Einkommen betrug in Niger für das Jahr 2017 knapp 440 US-Dollar – im Vergleich dazu betrug es in Deutschland mehr als 40.000 US-Dollar. Bildung sei eines der wichtigsten Bereiche, in die investiert werde. Die Alphabetisierungsrate ist sehr niedrig. „Das erschwert die Demokratisierung. Bildung ist der Grundstein der demokratischen und wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes“, erklärte der Stabsoffizier. Und auch die Energiesicherheit sei ein wichtiges Thema.  

Der nigrische Stabsoffizier referierte auch zum Thema Sicherheitspolitik in seinem Heimatland. 54.000 Soldaten umfasst die nigrische Arme – Heer und Luftwaffe. Eine Marine gibt es in dem Binnenstaat nicht. „Zwei hochrangige Militärs sind ehemalige Lehrgangsteilnehmer des LGAI“, betonte Sidi Oumar Ka. Das Militär ist sowohl im Rahmen afrikanischer Bündnisse aktiv, wie auch in UN-Missionen. 1000 Soldaten befinden sich derzeit in Auslandseinsätzen. „Niger steht vor großen Herausforderungen: das Bevölkerungswachstum, die hohe Zahl an Analphabeten, Terrorismus, Klimawandel“, resümierte Sidi Oumar Ka. „Doch in unserem Land steckt auch ein enormes wirtschaftliches Potential, um sich weiter zu entwickeln“. So wünscht sich denn auch Oberstleutnant Sadou: „Dass wir die Herausforderungen alle gemeinsam, alle Nigrer zusammen, in Angriff nehmen und schaffen“. Abgerundet wurden die beiden Vorträge von zwei traditionellen Tanzeinlagen, die durch ihre rhythmischen, geschmeidigen und gleichzeitig kraftvollen Bewegungen das ein oder andere Bein zum Mitschwingen animierten.

Nigrisches Bier und andere Köstlichkeiten

Bevor es zu den kulinarischen Köstlichkeiten aus dem vielfältigen westafrikanischen Land ging, erhoben sich alle zur melodischen Nationalhymne des Niger – „La Nigérienne“. Danach lachten und sprudelten die Gäste und zahlreiche Nigrer aus Hamburg im Foyer des Manfred-Wörner-Zentrums. Es gab nigrisches Bier und traditionelle Gerichte. Was denn Sadou am meisten an Deutschland schätze? „Die Pünktlichkeit! Wir Nigrer verlieren zu viel Zeit!“, sagte er lächelnd. An diesem Abend musste keiner mehr pünktlich sein. Es war ein entspanntes und anregendes Beieinander. 

Seit 1990 nahmen insgesamt 17 Stabsoffiziere aus dem Niger am LGAI an der Führungsakademie in Hamburg teil. Zwei Lehrgangsplätze werden pro Jahr für die Soldaten aus dem Niger bereitgestellt. In großer Zahl waren Gäste aus dem „Freundeskreis Ausbildung ausländischer Offiziere an der Führungsakademie der Bundeswehr“ zu der Veranstaltung erschienen. Sie unterstützen als Paten die Integration der ausländischen Offiziere und ihrer Familien.