Autor: LGAI 2018; Fotos: Nattapol Sanguanpuak

Hamburg, 16.11.2018

Über 90 interessierte Zuhörer folgen den Ausführungen der Referenten

Erlebnisbericht des Leiters der Fakultät Politik, Strategie und Gesellschaftswissenschaften

Fregattenkapitän Berger Geschichte des anderen Deutschlands

Kapitän zur See Menzel beim Vortrag

Oberst i.G. Wasgindt erzählt

Pausengespräche

 

 

 

 

 

 

Am 9. November vor 29 Jahren fiel die Berliner Mauer– und das friedlich. Der Prozess der Wiedervereinigung, der auf dieses geschichtsträchtige Datum folgte, betraf Politik, Gesellschaft und auch die Bundeswehr. Im Flaggensaal an der Führungsakademie der Bundeswehr (FüAkBw) in Hamburg trafen sich am 9. November Lehrgangsteilnehmende, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie diverse Gäste, um sich gemeinsam mit Zeitzeugen an die historischen Ereignisse zu erinnern.

Der 9. November 1989 war ein Schicksalstag in der Deutschen Geschichte. Nicht nur für Politik und Gesellschaft, sondern auch für die Bundeswehr. Noch am 8. November hatten sich Soldaten zweier gegnerischer Bündnissysteme an der innerdeutschen Grenze gegenüberstanden. Nach dem Fall der Mauer und der darauffolgenden Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wuchs die Bundeswehr ab Ende 1990 zu einer “Armee der Einheit“ zusammen – für alle Beteiligten eine große Herausforderung. Heute weiß man: Die Bundeswehr war damit von Beginn an Vorbild und Vorreiter im Hinblick auf das gesellschaftliche Zusammenwachsen im wiedervereinten Deutschland.

Schicksalstag der deutschen Geschichte

Es waren dramatische Veränderungen an jenem 9. November vor 29 Jahren. Die Veranstaltung führte die gespannten Gäste und Teilnehmer zurück zu den bewegenden Szenen rund um die Grenzübergänge in Berlin, die damals um die Welt gingen. Fregattenkapitän Stefan Berger, Tutor Hörsaal Marine, berichtete von den vielen miteinander verflochtenen Ereignissen an jenem Novembertag. Sie markierten nicht nur einen politischen Wendepunkte in der deutschen Politik, sondern hatten auch auf internationaler Ebene weitreichende Auswirkungen. Viele Zeitzeugen wissen auch heute noch ganz genau, wo sie waren und was sie machten, als sie  am 9. November 1989 vom Mauerfall erfuhren. So auch Jörn Thießen, Direktor bei der Führungsakademie und Leiter der Fakultät Politik, Strategie und Gesellschaftswissenschaften. Er berichtete lebhaft und eindrücklich von seinen Erlebnissen an der innerdeutschen Grenze bei Lübeck.

Geschichte des anderen Deutschland

Um die Dramatik jener Tage um den Mauerfall  zu unterstreichen, zeichnete Fregattenkapitän Berger ein Bild der Situation im geteilten Deutschland während des Kalten Krieges  bis 1990. Dabei ging er nicht nur auf die Deutsche Demokratische Republik (DDR) ein, sondern auch auf die beiden deutschen Armeen, die sich bis 1989 feindlich gegenüber standen. Die Zuhörer lauschten gebannt, wie sich die DDR als erster sozialistischer Staat auf deutschen Boden nach Staatsbankrott, Massenflucht und friedlicher Revolution im Herbst 1989 mit der berühmten Pressekonferenz von Politbüro-Mitglied Günter Schabowski ab dem 9. November in seiner politischen Struktur aufzulösen begann. Filmausschnitte aus jener Zeit unterstrichen seine Ausführungen. Deutschland stand fortan nicht mehr im Mittelpunkt der Blockkonfrontation. Nicht nur für die Bundesrepublik Deutschland resultierten daraus tiefgreifende Veränderungen, sondern auch für die Bundeswehr.

Der Weg zur Armee der Einheit

Die Bundeswehr wurde im Zuge der Wiedervereinigung zu einer „Armee der Einheit“. Nach der Auflösung der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR am 3. Oktober 1990 begann ein Transformationsprozess, in dem ein Teil der ehemaligen NVA-Angehörigen in die Bundeswehr aufgenommen wurde. Bei der Veranstaltung erinnerten sich drei Zeitzeugen und nahmen die gebannten Zuhörer mit in jene Tage rasanter politischer Entwicklungen auf internationaler, nationaler und militärischer Ebene. Kapitän zur See Eckard Menzel, heute Kommandeur des Einsatzausbildungszentrums Schadensabwehr Marine, war 1989/90 als Kapitänleutnant Stabschef und Kommandant in der 1. Flottille der DDR-Volksmarine in Peenemünde. Er berichtete sehr authentisch und emotional, was er als ehemaliger NVA-Angehöriger am Vorabend der Wiedervereinigung empfand. Darüber hinaus erläuterte er sehr eindrücklich, warum er sich damals, trotz aller Unsicherheiten, entschied, der letzten DDR-Regierung, die als erste demokratisch gewählt war, loyal zu dienen.

Auflösung der NVA

Die damaligen Erfahrungen wurden jedoch auch aus westdeutscher Perspektive vermittelt: Oberst i.G. Frank Wasgindt, Leiter des Lehrgangs Generalstabsdienst-/Admiralstabsdienst International (LGAI), erinnerte sich an seine Zeit als Offizier der Bundeswehr in den neuen Ländern nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990. Die innerdeutsche Grenze, einst Brennpunkt im Kalten Krieg, war über Nacht Geschichte. Bereits ab Ende September war Wasgindt am Vorabend der Wiedervereinigung an der Abwicklung der NVA beteiligt sowie auch an der Strukturierung der neuen Bundeswehreinheiten in den neuen Ländern. Wasgindt schilderte eindrucksvoll diese Wochen vor und nach der Wiedervereinigung, die Auflösung der NVA, die Übernahme von Personal und Material sowie die Transformation zur „Armee der Einheit“, die er als junger Oberleutnant hautnah miterleben durfte. Insbesondere die internationalen Lehrgangsteilnehmer nutzten die Pausen, um mit den Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen.

Mit Zeitzeugen ins Gespräch kommen

Auch Generalmajor a.D. Hans Christian Beck, von 2001 bis 2005 Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr, fesselte die Zuhörer mit einem Vortrag über den sicherheitspolitischen Umbruch im Spiegel von Wertetransfer und Innerer Führung. Denn das war die Grundlage, auf der Ost und West seinerzeit aufeinander zugingen und sich tatkräftig der gemeinsamen Aufgabe stellten. Beck, damals Kommandeur des Zentrums Innere Führung, beschrieb eindrücklich, wie die aus der NVA übernommenen Soldaten in die freiheitliche, pluralistische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland mit dem Leitbild des Soldaten als mündigem „Staatsbürger in Uniform“ integriert wurden. „Seit nunmehr 28 Jahren steht die Bundeswehr im Dienste der parlamentarischen Demokratie des vereinten Deutschlands. Menschenwürde, Recht und Freiheit bilden das Fundament der Inneren Führung als Gestaltungsprinzip für die innere Ordnung der Bundeswehr“, so Beck.

Fazit am 9. November 2018

Die Veranstaltung zeigte insbesondere den Lehrgangsteilnehmern des LGAI sehr eindrücklich, wie die Bundeswehr den Transformationsprozess zur „Armee der Einheit“ nach 1990 erfolgreich gestaltet hat. Es ist gelungen, zwei Gruppen von Militärangehörigen zusammenzuführen, die in gänzlich unterschiedlichen Streitkräften sozialisiert wurden. Die Bundeswehr hat somit einen relevanten Beitrag zur Verwirklichung der inneren Einheit Deutschlands geleistet.