Autor: Christiane Rodenbücher; Fotografin: Laura Clayborn

Hamburg, 20.10.2016

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Unerwartete Krisen erfordern neue Maßnahmen

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Oberst i.G. Miarka (2.v.l.) und sein Leitungsteam

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Major aus Nachrichtenwesen weist in die Lage ein

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Übungsszenario wird plastisch abgebildet

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Verschiedene Einflussfaktoren, differenziertes Lagebild

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Teilnehmer diskutieren über Maßnahmen der NATO

2014, unerwartete Entwicklungen in der Ost-Ukraine, NATO-Gipfel von Wales mit dem Readiness Action Plan, der einen umfassenden Maßnahmenkatalog für das Bündnis vorgibt. Die ostwärtige Bündnisgrenze wird zum Fokus. Zeitgleich laufen Einsätze der Bundeswehr an vielen Krisenherden auf unterschiedlichen Kontinenten gleichzeitig. Ein unerwartetes Weltbild mit vielen Unbekannten und zahlreichen nicht mehr vorhandenen Konstanten. Was bedeutet das für die Bundeswehr?

Nicht vorhersehbare Konflikte

Diese neue Lage fordert die westlichen Bündnispartner hinsichtlich Informationsbedarf, Fähigkeitsaufbau und multinationaler Kooperation von Streitkräften. Lücken in der Sicherheit werden deutlich, die Bedrohungslage für unsere Streitkräfte wird in den Einsatzgebieten einer neuen Bewertung unterzogen. Die einzelnen Teilstreitkräfte hinterfragen ihre Einsatzkonzepte. Dies schließt auch mögliche Handlungsoptionen im Intelligence-Bereich mit ein. Unter dem Strich: Die Weltlage bringt plötzlich Konflikte zutage, die ein neues Denken erfordern, unter anderem die Beschäftigung mit hybrider Kriegführung.

Große Angriffsfläche

Womit müssen wir rechnen? Wie müssen wir uns darauf einstellen? Mit diesen und vielen Fragen mehr hat sich jetzt ein einwöchiges „Wargame“-Seminar an der Führungsakademie unter der Leitung des Kommandos Heer, Unterabteilung Militärisches Nachrichtenwesen (MilNW), beschäftigt. Thematik: hybride Kriegführung aus allen Perspektiven. Hierbei wurden in einem ressortübergreifenden Ansatz verschiedene Szenarien der hybriden Kriegführung untersucht. „Die Herausforderung besteht darin, dass insbesondere offene und demokratische Gesellschaften vielfach Angriffsflächen für hybride Aktivitäten bieten und damit in besonderem Maße verwundbar sind“, erklärt Oberst i.G. Georg Miarka, Referatsleiter für das MilNW im Kommando Heer.

Verschiedene Akteure

Er erklärt die Vielschichtigkeit der Thematik. Alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens können zum Ziel hybrider Angriffe werden: durch Cyberangriffe und Informationsoperationen, wirtschaftlichen Druck sowie Versuche politischer Destabilisierung. Gleichzeitig können militärische Elemente, verdeckt operierende Spezialkräfte, Subversion oder reguläre Streitkräfte eingesetzt werden. Staatliche und nicht staatliche Akteure können gleichermaßen Hybride Kriegführung betreiben.

Rollen verschieben sich

„Hybrides Vorgehen verwischt die Grenze zwischen Krieg und Frieden und kann gegen das völkerrechtliche Gewaltverbot verstoßen“, erklärt Oberst i.G. Miarka, „dabei wird die Rolle als Angreifer und Konfliktpartei gezielt verschleiert.“ Dies soll die sofortige und entschlossene Reaktion des angegriffenen Staates und der internationalen Gemeinschaft verzögern oder ganz verhindern.

Militär eines von vielen Mitteln

Ein wesentliches Ergebnis des Wargamings an der Führungsakademie war erneut die Feststellung, dass militärische Gegenmaßnahmen alleine nur begrenzt geeignet sind, einer hybriden Bedrohung zu begegnen. Vielmehr sind bei Landes- und Ressortgrenzen überschreitende hybride Bedrohungen Maßnahmen im Sinne eines Comprehensive Approach, also eines allumfassenden und ressortübergreifenden Ansatzes, erforderlich. Dementsprechend stellt auch eine ganzheitliche Aufklärung und Früherkennung aufgrund der Komplexität der angewendeten Mittel und Zielrichtung auf Schnittstellen zivil-militärischer Verantwortlichkeiten eine wesentliche Herausforderung der Zukunft dar.

Akteur Heer im Fokus

Grundsätzlich leistet das Heer unverändert einen erheblichen Beitrag für die im Rahmen der NATO beschlossenen Maßnahmen und hat hierbei erhebliche Kräfte zu stellen. Der Anteil Militärisches Nachrichtenwesen im Heer bildet innerhalb des Nachrichtenmanagements in den Streitkräften die Expertise Landstreitkräfte und zugleich für Landoperationen ab. Das Phänomen einer anzunehmenden Hybriden Kriegführung, mit dem auch deutsche Kräfte im Zuge einer krisenhaften Lageentwicklung konfrontiert werden könnten, verlangt jedoch nach größerer Aufmerksamkeit.

Neue Schwerpunkte

Über die Militärischen Organisationsbereiche sowie ressortübergreifende Betrachtung hinweg sollte dieser überwiegend unkonventionellen Vorgehensweise im Rahmen der Hybriden Kriegführung künftig in der Theorie sowie beim gemeinsamen Üben mehr Bedeutung zukommen. Vor diesem Hintergrund organisiert das Kommando Heer, Unterabteilung MilNW, seit 2016 eine Fachtagungsreihe zu absehbaren Bedrohungs- und Militärpotenzialen. Gleichzeitig sucht dieser Bereich immer geeignetes Personal, das sich den stetig wachsenden Aufgaben in diesem Aufgabengebiet widmet.

Vernetzte Kooperation

„Absicht ist, den erhöhten Informationsbedarf des Heeres zur Thematik der hybriden Bedrohung durch koordinierte Zusammenarbeit im System Militärisches Nachrichtenwesen (SysMilNW) respektive den Schnittstellenakteuren sowie unter Einbindung geeigneter Fachexpertise nationaler und multinationaler Dienststellen sukzessive zu decken“, fügt Oberst i.G. Miarka hinzu. Primär um für weitere Planungszwecke eine hinreichende Bedrohungsanalyse im Rahmen der Möglichkeiten zu erstellen und einen Beitrag für das SysMilNW im Bereich Grundlagenarbeit zu leisten. „Darüber hinaus werden aus den gewonnenen Erkenntnissen Ableitungen für die Truppenführung sowie Ausbildung und Übung getroffen – eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.“