„Innovationslabor @ (Aus)Bildungskongress“ –
Neue Impulse und Gedanken zum Thema Führen Morgen

Neue Medien, neue Arten der Mobilität und neue Möglichkeiten: Die Welt verändert sich tagtäglich und damit auch das Lernen, das Arbeiten und somit auch das Führen. Deutlich wird die Schnelllebigkeit unter anderem durch die Digitalisierung. Diese birgt Chancen, aber auch Risiken und stellt vor allem das Altbewährte in Frage. Die Führungsakademie der Bundeswehr (FüAkBw) stellt sich diesen Herausforderungen mit der Reihe „Führen Morgen Heute Lernen. Innovationlabor für Neues Lernen“ und hat damit den Weg zu einer digitalen Ausbildungsakademie eingeschlagen. Unter dem Motto „Innovationslabor @ (Aus)Bildungskongress“ kommen Brigadegeneral Boris Nannt, Direktor Strategie und Fakultäten an der FüAkBw, als auch Oberst i.G. Martin Simberg, Leiter des Ausbildungsprozessmanagements, und Major Michael Strauch, Verantwortlicher für die Umsetzung des Innovationslabors, mit Interessierten beim Ausbildungskongress der Bundeswehr an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg ins Gespräch.

Prozess ist gestartet

„Wir sind gerade in einem Prozess drin, der sich mit der Frage beschäftigt ‚Wie entwickelt sich eigentlich das Lernen?‘“, erzählt Brigadegeneral Boris Nannt den Anwesenden im gut gefüllten Seminarraum. Im vergangenen Juni hat die FüAkBw diesen Transformationsprozess mit einer zweitägigen Veranstaltung gestartet, an der rund 130 Personen aus der Bundeswehr, der Wirtschaft und dem öffentlichen Dienst teilgenommen haben. Genau wie heute standen folgende Fragen im Mittelpunkt der Diskussion:

- Wie wird sich Führung verändern?

- Wie müssen wir Führungskräfte dafür ausbilden?

- Welche Kompetenzen braucht eine Führungskraft von morgen?

Entscheider, Berater und Gestalter sind gefragt

Brigadegeneral Nannt legt bei einer Führungskraft auf drei Dinge Wert: Sie soll die Fähigkeiten eines „Entscheiders, Beraters und Gestalters“ vorweisen können. „Wir müssen an der Persönlichkeit feilen und an den Techniken und Methoden arbeiten“, ergänzt er. Bei Letzterem kann ein Lehrgang das nötige Handwerkszeug vermitteln. Eine Persönlichkeit kann sich jedoch nicht in zwei, drei Tagen entwickeln – dafür ist ein langjähriger Prozess notwendig. „Ich bin ein großer Fan von der ‚Walt-Disney-Methode‘. Bei dieser fängt man erst einmal mit dem Träumen an. Ich erlebe sehr viele Menschen, die nicht träumen, sondern erst einmal kritisieren und sagen, was nicht geht. Doch wir sollten erst träumen und dann können wir in den Realismus übergehen“, so Brigadegeneral Nannt. Die Vision der Führungsakademie der Bundeswehr ist klar: Sie möchte sich zu einer „digitalen Ausbildungsakademie“ entwickeln. Doch was heißt das konkret? Wie sehen die Lernräume aus, sind neue Systeme erforderlich und kann Wissen auch ohne Präsenzphasen vermittelt werden? Fünf Bereiche – von IT, Kultur und Infrastruktur bis hin zu Organisation und Personal – arbeiten an der FüAkBw bereits parallel daran, dem Arbeitstitel ein Gesicht zu geben. Zwei Jahre lang soll das Thema in den Mittelpunkt gestellt werden.

Diskussionspartner teilen ihre Gedanken mit

Doch nun kommen die Teilnehmenden des Ausbildungskongresses ins Spiel. „Wir möchten auch ihre Gedanken mit aufnehmen“, leitet Brigadegeneral Nannt über. Mittels Videos von der Auftaktveranstaltung bekommen die Anwesenden weitere Impulse zum Thema Führen und Lernen. Dann ist ihre Kreativität und ihr Wissen gefragt. „Bitte nehmen Sie Ihr Smartphone zur Hand und nennen Sie uns die wesentlichen Elemente, die eine digitale Ausbildungsakademie auszeichnen“, fordert Oberst i.G. Simberg die Teilnehmenden auf. Alle Daten, die von den Interessierten eingegeben werden, werden ohne Zeitverzögerung an die Leinwand projiziert. Nach und nach tauchen unter anderem folgende Begriffe auf: „Austausch, ortsunabhängiges Lernen, flexible Lernräume, Weiterbildung, stets und ständig, Online-Monitoring, bring your own device, Feedback, Erfahrung und Kommunikation.“ Die meistgenannten Begriffe werden optisch hervorgehoben. „Ortsunabhängiges Lernen und Austausch wurden am häufigsten genannt. Das bedeutet, dass sind die wesentlichen Faktoren einer digitalen Ausbildungsakademie – ich kann von überall lernen und arbeiten“, fasst Oberst i.G. Simberg die Ergebnisse zusammen.

Persönlicher Kontakt versus Chatkommunikation

Dann startet er die Diskussionsrunde mit der Frage: „Wie kann der Austausch bei einer digitalen Ausbildungsakademie sichergestellt werden?“ Mehrere Hände schnellen in die Höhe. So erzählt ein Teilnehmer, dass sich Lernende natürlich über Video- und Chatfunktion austauschen können, doch der persönliche Kontakt eine andere Qualität besitze. Für die Organisation sei der ortsunabhängige Austausch hingegen ein Gewinn. Ein anderer hebt die ortsunabhängige Kommunikation nach Lehrgängen in den Fokus, um mittels Foren weiter in Kontakt zu bleiben und sich austauschen zu können. Wiederum ein anderer Teilnehmer spricht sich dafür aus, dass in Lehrgängen erst ein persönlicher Kontakt aufgebaut werden sollte und anschließend alles weitere über die Chatfunktion geregelt werden kann. „Man muss sich erst als Mensch kennenlernen“, sagt er. Anders sieht es hingegen ein weiterer Zuhörer: „Der Ausbildungsanteil ‚Innere Führung‘ muss zentral mit erfahrenen Ausbildern vermittelt werden.“ Seiner Meinung nach können diese Inhalte nicht über Foren oder Chats erlernt werden. „Was zudem daraus folgt: aus Lehrern werden Coaches oder Consultants“, so die Meinung eines weiteren Teilnehmers.

Ist das Lernen auch am Arbeitsplatz möglich?

Auch der Frage, ob sich die Lernenden mit ihrer Ausbildung am Arbeitsplatz auseinandersetzen sollten, wird Aufmerksamkeit geschenkt. „Ich habe keine Zeit, während der Arbeitszeit zu lernen“, führt eine Anwesende aus. „Ich muss meine Arbeit schaffen und am Abend möchte ich meine Familie sehen“, sagt sie. Unterstützung bekommt sie von weiteren Teilnehmern. „Wenn jemand um die Ecke kommt und möchte, dass ich noch zwei Tage in der Woche neben der Arbeit lerne, dann frage ich mich, in welcher Welt derjenige lebt. Ich bin froh, wenn ich das normale Leben hinkriege“, untermauert ein weiterer Zuhörer seinen Standpunkt. Es wäre wünschenswert, aber die Arbeitsrealität gäbe das nicht her. Zudem spricht sich eine Anwesende dafür aus, in der Woche, aber nicht am Wochenende zu lernen und Weiterbildungen in regelmäßigen Abständen zu wiederholen. Eine weitere Teilnehmerin bringt Ausbildungskonten ins Gespräch, die dann auch nachgehalten werden sollten.

Gibt es hybride Lösungen?

Gibt es ausschließlich zwei Möglichkeiten zu lernen – nur persönlich oder nur digital? Oder sind auch hybride Formen denkbar, sozusagen eine Mischung aus beiden Bereichen? So lauten die nächsten Fragen der Diskussionsrunde. „Beim Führen geht es auch um Fürsorge“, meldet sich ein Anwesender zu Wort. Konkret geht es ihm um das „Face to face“-Führen. „Ohne persönlichen Kontakt ist keine Fürsorge möglich.“ Ein anderer spricht sich hingegen für einen bunten Mix aus. Und im Einsatzfall sei der persönliche Kontakt unabdingbar. „Eine Führungskraft muss lernen, digital zu führen“, heißt es von einem anderen Anwesenden. Das sieht hingegen ein weiterer Zuhörer anders: „Wenn uns die Technik diktiert, wie wir zu führen haben, dann ist das ganz dünnes Eis.“ Brigadegeneral Nannt schaltet sich ein und erklärt seinen Ansatz: „Digitalisierung bedeutet nicht ich nutze das E-Mail-Programm Lotus Notes. Es ist weitaus mehr. Wir brauchen ein digitales Mindset und Tools zum kollaborativen Arbeiten wie beispielsweise den webbasierten Instant-Messaging Dienst Slack oder die webbasierte Projektmanagementsoftware Trello.“ Virtuelles Führen ist hingegen für einige Seminarteilnehmende bereits Realität. Die Werte, mit denen Menschen bereits „analog“ geführt werden, haben sich im digitalen Zeitalter nicht verändert, so die einhellige Meinung. Das veranlasst eine Teilnehmerin wiederum zu folgender Aussage: „Wer nicht analog führen kann, kann auch nicht digital führen.“

Herausforderungen auf dem Weg zur digitalen Ausbildungsakademie

Bevor sich das Seminar dem Ende neigt und Zeit bleibt, unter anderem den Stand der Führungsakademie der Bundeswehr beim Ausbildungskongress zu besuchen, dürfen die Teilnehmenden noch einmal ihr Smartphone aus der Tasche holen. Denn sie können nun die größten Herausforderungen auf dem Weg zur digitalen Ausbildungsakademie notieren. Die Antworten sind so vielfältig, wie die Diskussion selbst: Die Begriffe „Schreibtischbremsen, Changemanagement, Medienkompetenz, Messbarkeit, Generationenkonflikt, Ausbildungskultur und up to date bleiben“ erscheinen auf der Leinwand – Es sind wichtige Impulse, die auf dem Weg zur digitalen Ausbildungsakademie bestimmt noch das eine oder andere Mal diskutiert werden.

 

  • Direktor Strategie und Fakultäten an der FüAkBw, Brigadegeneral Boris Nannt, legt bei Führungskräften besonders Wert darauf, dass sie sich als Entscheider, Berater und Gestalter einbringen. (Bundeswehr/Lene Bartel)

  • Mit verschiedenen Fragen zum Thema „Lernen und Führen von morgen“ fühlte Oberst i.G. Martin Simberg, Leiter des Ausbildungsprozessmanagements an der FüAkBw, den Anwesenden auf den Zahn. (Bundeswehr/Lene Bartel)

  • Das Gesagte wurde von Major Michael Strauch, Verantwortlicher für die Umsetzung des Innovationslabors, notiert. (Bundeswehr/Lene Bartel)

  • Eine lebhafte Diskussion wurde beim Ausbildungskongress zum Thema „Führen und Lernen“ geführt. (Bundeswehr/Lene Bartel)

  • Gespannt hören sich die Anwesenden die Argumente anderer Teilnehmer an, um dann ihre Gedanken dazu kundzutun. (Bundeswehr/Lene Bartel)

  • Die Ideen der Teilnehmenden wurden notiert. (Bundeswehr/Lene Bartel)

  • Die Führungsakademie der Bundeswehr präsentierte sich zudem mit einem Stand auf dem Ausbildungskongress. Für Fragen standen Oberstleutnant i.G. Markus Neske (links) und Oberstleutnant Matthias Engelke zur Verfügung. (Bundeswehr/Lene Bartel)

  • Was das Dezernat Persönlichkeitsentwicklung und Beratung genau macht, erklärte Oberstleutnant Matthias Engelke einer Besucherin. (Bundeswehr/Lene Bartel)

 Link zum Artikel (Aus)Bildungskongress der Bundeswehr 2019 – Ein Beispiel für gelungene streitkräftegemeinsame Zusammenarbeit

 

Autorin: Sophie Düsing