Seminar „Strategisches Denken“ 

Autor: Dr. Andreas Meusch 

Bilder: pixabay

Hamburg, 05.04.2019

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Strategisches Denken - „Nachdenken auf Vorrat“

 

 

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Globaler Handel war eines der Top Gesprächsthemen im Seminar

 

 

 

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Die Herausforderungen der Globalisierung in einer multiplexen Welt werden nicht nur die Seminarteilnehmenden weiter begleiten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“Education is a security issue…”, diese Feststellung des ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair gab den Ton für das Seminar vor: Nicht Angriff, Verteidigung und Verzögerung, sondern Weltoffenheit, Vorstellungskraft, Netzwerkbildung, Empathie und gesellschaftliche Kohäsion waren einige der Begriffe, welche die fünf Seminartage prägten. Mit dem Seminar „Strategisches Denken“ hat die Führungsakademie der Bundeswehr ein Weiterbildungsangebot zum Thema Strategie und strategische Zusammenhänge geschaffen, eine Einladung zum "Denken ohne Geländer".

Nachdenken auf Vorrat

Wie denkt man über Strategieentwicklung in einer zunehmend ungeordneten, zum Teil chaotischen und konfliktträchtigen Welt, in der sich das sicherheitspolitische Umfeld Deutschlands und Europas dramatisch verändert? „Nachdenken auf Vorrat“ für die Zeit bis 2040 - demnächst soll der Horizont bis 2060 erweitert werden - ist ein Ansatz, der von Oberstleutnant i.G. Martin Lammert vom Planungsamt der Bundeswehr, Referat Zukunftsanalyse vorgestellt wurde: Die "Strategische Vorausschau 2040" besteht aus sechs im Referat entwickelten Szenarien, die alle eine vergleichbare Plausibilität haben.

Den Lehrgangsteilnehmenden wurde vermittelt, dass diese Szenarien keine Prognose sein können und sollen. Doch dass es sinnvoll ist, die Zukunft nicht nur als Verlängerung der Gegenwart zu denken. Dies stellte niemand in Frage, hat doch beispielsweise die Annexion der Krim gezeigt, wie schnell sich Gewissheiten ändern können. Dieses Ereignis hat nicht nur den Blick auf die Bedeutung der Landesverteidigung neu geschärft, sondern auch deutlich gemacht, wie wichtig Zukunftsanalyse als "Fernscheinwerfer der Bundeswehr" ist. Mit dem Referat Zukunftsanalyse verfügt die Bundeswehr über ein Instrument, mit dem in einer dynamischen, multiplexen Welt strategische Weichenstellungen verstehbar werden und so politische Beratungsleistung erbracht werden kann.

Strategischer Blick auf China

Zu den relevanten Fragestellungen in unserer multiplexen Welt gehört auch die veränderte Rolle Chinas. Die Teilnehmenden hatten in diesem Seminarabschnitt die Gelegenheit, die in den ersten Tagen bereits erlangten Grundlagen der Strategiegeschichte als Problemgeschichte, sowie des systemischen Denkens im Prozess von Strategieentwicklung und deren Kommunikation anzuwenden: Daher war ihnen schnell klar, dass die in einigen Medien vermittelten eurozentristischen Risiko- und Bedrohungsvorstellungen deutlich zu kurz springen.

Die chinesische Politik bewegt sich in globalen Kontexten entlang eigener historischer Linien und geografischer Faktoren. So nahm auch das Gespräch im Seminar über historische Entwicklungen der globalen Kommunikations- und Handelswege breiten Raum ein. Welche Bedeutung hatte und hat Herat in Afghanistan als Drehscheibe für die Verbindung Zentralasiens nach Indien? Wie verliefen die Kommunikationswege auf See, wer kontrollierte sie zu welchem Zweck? Was unterscheidet das eigenständige chinesische Denkmodell der „36 Strategeme“ von unserer Herangehensweise? Welche Bedeutung hatte der Congo-Nile-Trail in der afrikanischen Geschichte und welche Chancen könnte China daraus entwickeln? Aus diesem vorangehenden Blick auf die historisch gewachsenen eurasischen Kommunikations- und Handelsrouten konnten sich die Seminarteilnehmenden Chinas neuen Seidenstraßeninitiative „Belt and Road Initiative” (BRI) oder auch genannt „One Belt One Road” (OBOR) zuwenden.

Chinas strategischer Blick nach vorn

Die Interessen Chinas werden sich voraussichtlich nicht darauf beschränken, die traditionellen Handelslinien über Zentralasien bis nach Duisburg und Rotterdam zu verlängern. Beeindruckend war die Vorstellung chinesischer Aktivitäten in Afrika. Wird Afrika so als Absatzmarkt und Rohstoffquelle bis 2025 „Chinas zweiter Kontinent“? Und lassen die von internationalen Thinktanks dokumentierten Aktivitäten nicht auch den Schluss zu, dass von Afrika aus ein Sprung über den Südatlantik nach Südamerika als „drittem Kontinent“ und dann ein Ringschluss über den Pazifik folgt. Was bedeutet dies für die globalen Wirtschaftsströme und einer daraus folgenden Verschiebung des globalen ökonomischen Schwerpunkts vom Norden in den Süden der Welthalbkugel?

In der Analyse weltweiter chinesischer Aktivitäten erscheint dies als ein mögliches Szenario. Alternative Trends konnten nur angerissen werden: Was bedeutet es, wenn Asien durch die 3D-Technik an Bedeutung als verlängerte Werkbank für die westlichen Industrienationen verliert? Welchen Einfluss haben Klimaentwicklung und Energiebedarf? Wird China das Entwicklungstempo halten können oder mangelt es dazu an substanziellen Fähigkeiten, auch weil ihm ein industrieller Mittelstand als Innovationsmotor genauso fehlt wie ein massentaugliches Konzept der beruflichen Bildung?

Denken ohne Geländer

Denken vom Ende her und in Alternativen: Das war eines der Lehrgangsziele und solche Fragen machten deutlich, dass das Ausbildungsziel in einer anregenden Arbeitsatmosphäre erreicht wurde. Einige Stimmen der Seminarteilnehmenden: „… Annäherung an die Themen aus verschiedenen Perspektiven führte zu überraschenden Ergebnissen … Das aktuelle Thema BRI ist von hoher Relevanz, und es gibt auch hier keine einfachen Lösungen … Denken erfordert Freiräume!“ Kurzum: Die Lust der Teilnehmenden, sich mit dem Gelernten den Herausforderungen der Globalisierung, einer multiplexen Welt und der Zukunft zu stellen, ist geweckt.

 

Link zum Seminar "Strategisches Denken": hier